"Ich will nichts anderes als Erzieherin sein - an genau dieser Schule."

"Das ist jetzt nicht euer Ernst, oder?", dachte Nicole Lindenberg. Was hier von ihr erwartet wurde, hatte sie gerade ein-zwei Mal gezeigt bekommen..., es zwar bei den eigenen Kindern tausendmal gemacht - aber das in der Schule? "Jetzt, gleich mal eine Windel wechseln, bei einer 13-Jährigen? Als Praktikantin? ..." Bis ihr klar wurde, was das bedeutete, war ihre Kollegin auch schon aus dem Raum verschwunden und sie stand allein da, mit einer freundlich lächelnden Schülerin, für die das gar nichts Besonderes war. Inzwischen hat sie sich angewöhnt,dabei schnell zu sein und mit den Kindern Späße zu machen oder zu singen. Das hilft. Aber damals war der erste Moment einer, in dem sie sich von den heutigen Kollegen und einem wildkochenden Emotionscocktail aus der Fassung gesprengt fühlte - Personalmangel hin oder her. Wie oft hatte sie zuvor andere sagen gehört, sie würden als Praktikanten definitiv keinen Kaffee kochen wollen...? Mit der Kanne in der Hand wären die meisten wohl genau in dieser Sekunde losgerannt, um genau das zu tun - sie auch. "Natürlich habe ich das dem Mädchen damals nicht gezeigt, stand aber ein paar Tage später vor meiner Lehrerin Frau Schulz, um zu erkunden, wie die Chancen stehen, den Praktikumsplatz noch zu wechseln, über den ich mich so gefreut hatte." sagt Nicole Lindenberg. Heute glaubt sie, hätte sie ihre Ausbildung zur Erzieherin schon mit 18 Jahren gemacht, wäre sie hier an dieser Stelle ausgestiegen und, es wäre wohl nie eine Erzieherin aus ihr geworden.

Ein tolles Gefühl - das Fachschulstudium anzufangen

Nicole Lindenberg ist über ihren Sohn auf die Idee gekommen, in den Erzieherberuf zu wechseln. Er fand sie als Mama cool und sie sich auch. Als er in die Schule kam und es hieß, er brauche eine spezielle Lernförderung, weil er etwas langsamer lernt als andere Kinder, stellte sie fest, dass sie trotz vieler Nachfragen und Tests von den Lehrerinnen und Lehrern, die sie befragt hatte, selten die Informationen bekam, die sie wirklich brauchte. Eine Erzieherin gab ihr dann den wichtigen praktischen Tipp, sich mit den Möglichkeiten zur Förderung von Kindern mit Lerndefiziten zu beschäftigen, um ihn nicht permanent zu überfordern und damit irgendwann die Beziehung zu ihrem Kind zu gefährden. Also las sie, was sie darüber finden konnte und merkte bald: Die enormen Entwicklungssprünge von Kindern in den ersten Jahren, ihre rasant wachsenden geistigen Fähigkeiten, Störungsbilder und Therapiemöglichkeiten, aber auch die Chancen, betroffene Kinder gezielt zu fördern - das war es, was sie wirklich interessierte. Als sie dann kurz nach der Geburt mit ihrem zweiten Sohn zuhause war, fasste sie irgendwo zwischen Sandkasten und Parkbank den Entschluss, ihren Kompass neu einzustellen, jetzt den Beruf zu wechseln und nochmal eine Ausbildung zu beginnen. Die Idee hat sie nicht mehr losgelassen. Das Fachschulstudium dann tatsächlich auch anzufangen, war "ein tolles Gefühl, nun alles richtig zu machen". Wenn jetzt nach der Kita, in die sie nach dem ersten Praktikum schon nicht unbedingt wollte, nun auch die Förderschule, die sie sich genau so vorgestellt hatte, nicht mehr in Frage kommen sollte, was blieb dann noch?

Zähne zusammenbeißen und durchhalten

Birgit Schulz, die Diplom-Psychologin und Lehrerin der künftigen Erzieher*innen an der bbw Fachschule für Sozialpädagogik, riet ihr, das Praktikum durchzuhalten, die Zähne zusammenzubeißen und erst am Ende der zwölf Wochen Bilanz zu ziehen. Dann könnte man die negativen und die positiv empfundenen Erlebnisse gedanklich mit etwas Abstand gegenüberstellen und sich fürs dritte Praktikum immer noch eine andere Einrichtung suchen. "Immer erst mal ankommen lassen. Praktikumsstress ist gar nicht so selten. Oft haben wir nur zu idealisierte Erwartungen. Der Erzieherberuf ist auf vielen Ebenen anstrengend - dafür wappnen wir unsere Studierenden so gut es geht mit dem Wissen und den Erfahrungen, die wir haben. Aber die Praxis ist dann doch immer eine Überraschung: Man kann viele Situationen theoretisch vorausdenken, aber wenn plötzlich zehn Dreijährige vor einem stehen und gleichzeitig Hilfe beim Anziehen brauchen, von denen zwei quengeln und drei, weil sie noch warten müssen schon wieder beginnen sich auszuziehen, während man noch die letzten Schuhe zubindet - dafür kann man nur Strategien finden, wenn man direkt solche Stresssituationen erlebt. Da muss jeder durch. Wichtig ist, dass man als Erzieherin oder Erzieher lernt, sich situationsgerecht zu verhalten. Dafür muss man sein Verhalten mit allen Emotionen, die man beobachtet, reflektieren", sagt sie. So hat Nicole Lindenberg es letztlich auch gemacht. In ihrer Abrechnung mit dem Praktikum hat ein Erlebnis mit einem Jungen den klaren Ausschlag gegeben, doch genau an dieser Schule zu bleiben, auch das dritte Praktikum hier zu absolvieren und sich nach der bestandenen Prüfung nicht wie die meisten anderen aus der Gruppe in einer Kita zu bewerben, sondern da, wo sie jetzt ist, in der Schule Am Pappelhof, in Berlin-Biesdorf. Hier hatte ein Junge mit starken körperlichen Einschränkungen, u. a. mit nur einem Bein, zu ihr gesagt: "Frau Lindenberg, Sie brauchen kein Mitleid mit mir zu haben, ich freue mich hier zu sein. Ich komme jeden Tag richtig gern in die Schule." Das hat ihr etwas Entscheidendes klargemacht: Die Kinder möchten ganz unabhängig von ihren Handicaps einen schönen Tag haben, so wie ihre Söhne auch. Und sie ist dazu da, ihnen zur Seite zu stehen, sie so gut es geht zu fördern, ihre Entwicklung zu begleiten, so wie sie es gelernt hat. Die Kinder hier wollen auch ihre Grenzen testen, die sich im besten Fall genau wie bei allen anderen Kindern nach und nach verschieben. Sie wollen nicht ständig damit konfrontiert werden, dass nicht alles geht, was andere Kinder machen. "Das direkt von einem 9- oder 10-Jährigen zu hören und nicht von einem Erwachsenen, hat mich umgehauen. Ich weiß jetzt, dass der Beruf für mich genau der richtige ist und alles, was ich bisher gemacht habe, musste genau so sein."

Ein Gewinn für alle Kinder und Jugendlichen - Erzieher*innen mit Berufs- und Lebenserfahrung

Staatlich anerkannte Erzieher*in kann man in Berlin an etlichen staatlichen Einrichtungen werden, dazu kommen viele private. Das Feld ist unübersichtlich. Nicole Lindenberg hat sich für die bbw Fachschule für Sozialpädagogik entschieden, weil sie in Berlin-Karlshorst auf ihren Wegen zwischen Kita und Schule der Söhne gut zu erreichen sein würde. Das war wichtig. "Hier fand ich eine bunte Gruppe von 20 jungen Leuten, viele schon mit vorher abgeschlossener Ausbildung vor - mehrere Sozialassistenten, die über diesen Weg zu ihrem Traumberuf kommen wollten - aber auch ein Rettungssanitäter, ein ehemaliger Marinesoldat, Leute mit Berufen aus dem Handel, der Hotel- und Gastronomiebranche und ich als Pharmakantin. Das waren so viele interessante Lebenserfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen und eine sehr positive Überraschung, die unseren Diskussionen gut getan hat", erklärt Nicole Lindenberg. "Solche Gruppen sind nicht nur ein Glücksfall für jede*n Lehrer*in und die Studierenden selbst. Sie sind es auch für all die Kitas, Schulen und anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen, in denen sie einmal tätig sein werden. Hier treffen wir auf Perspektiven und Erfahrungen, die den Unterricht und später die betreuten Kinder und Jugendlichen bereichern, deshalb bin ich froh, dass wir an unserer Fachschule wie Frau Lindenberg so viele wirklich interessante Persönlichkeiten auf den Weg in diesen wichtigen Beruf bringen können", sagt Birgit Schulz, Diplom-Psychologin und Lehrerin in der Erzieher*innenausbildung an der bbw Fachschule.

Ausbildung geschafft - Arbeitsvertrag in der Tasche

Erzieherin ist Nicole Lindenberg seit dem Sommer 2018. Sie hat ihren Abschluss mit guten Ergebnissen geschafft und hatte, wie alle anderen aus der Gruppe, unmittelbar danach einen Arbeitsvertrag in der Tasche. Seitdem arbeitet sie im Hort "ihrer" Schule in Berlin-Biesdorf auf ihrer ersten Stelle als Erzieherin. Hier werden in jeder Gruppe jeweils acht Kinder mit körperlichen und geistigen Einschränkungen von einer Lehrerin bzw. einem Lehrer und drei Erzieherinnen und Erziehern bis zum Ende des 10. Schuljahres betreut. Aufgrund des Förderschwerpunkts "Geistige Entwicklung" sind verschiedene Therapien wie Logopädie oder Ergotherapie genauso in den Unterrichtstag integriert wie Sport, Theater oder Zirkusprojekte. Dafür ist die Schule u. a. mit Schwimmbecken, vielen Hilfsmitteln und Möglichkeiten ausgestattet. Das wichtigste Ziel ist hier, den Schülerinnen und Schülern den Weg in ein möglichst selbstständiges Leben, zum Beispiel in einer Wohngruppe, zu erleichtern. Weil für die meisten Schulabgänger ein Berufsabschluss kaum erreichbar ist, sehen die Lernkonzepte hier z. B. montags auch Einkaufengehen, Essenspläne erstellen, Kochen und die Küche putzen vor. Viel Wert legen die Pädagog*innen auf Fairness. Egal wo, sie ist für alle oberstes Prinzip. Hier wird niemand "dumm" genannt und keiner ausgelacht. Außerdem lernen die Kinder und Jugendlichen, einander zu helfen. "Das sind nicht nur Leitsätze, wie sie auch an anderen Schulen schön gerahmt an der Wand hängen: Wir achten darauf, dass sie eingehalten werden." sagt Nicole Lindenberg " ... und überwiegend gehen alle sehr liebevoll und aufmerksam miteinander um."

Kinder und Jugendliche so gut es geht zu fördern, ist das Wichtigste

Das Windelnwechseln, Füttern, vom Rollstuhl in den Stehstuhl umlagern und Ähnliches ist dabei eigentlich nebensächlich. Das sieht sie inzwischen so. Das alles hat Nicole Lindenberg in den Praktika und ihren ersten Monaten als Staatlich anerkannte Erzieherin nach wenigen Handgriffen gelernt. Aber, das Wichtige an ihrem Beruf, zu verstehen, was die Kinder und Jugendlichen oder ihre Eltern bewegt, was sie gerade brauchen und was ihnen hilft gute Beziehungen mit den Menschen in ihrer Umgebung aufzubauen - das hat sie in den dreieinhalb Jahren im Fachschulstudium gelernt. "Hier habe ich so viel mitgenommen, was mir jetzt hilft, wenn wir im Kollegenkreis gemeinsam überlegen, was wir für jedes einzelne Kind tun können, um es so gut es geht zu fördern und zu unterstützen", sagt sie.

Über Entwicklungsstörungen zu wenig im Lehrplan

"Natürlich sind auch die Elterngespräche immer wieder ein wichtiges Thema. Darauf haben mich der Unterricht, die Kommunikationstrainings und die vielen Diskussionen in der Gruppe, z. B. über Inklusionsthemen, ganz gut vorbereitet. Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass wir im Unterricht viel mehr über Entwicklungsstörungen, Krankheiten und die speziellen Erziehungsaufgaben bei besonders förderungsbedürftigen Kindern gelernt hätten. Das ist aus meiner Sicht eine Lücke im Lehrplan - aber auch ein Spezialbereich", so Nicole Lindenberg. Dazu hat sie sich dann selbstständig viel zusätzliches Wissen angelesen und schließlich auch die Facharbeit zu "ihrem" Thema: "Unterstützende Kommunikation im Rahmen der Förderung von geistig behinderten Kindern und Jugendlichen" geschrieben. Davon profitiert sie heute auch als Gesprächspartnerin für Eltern und freut sich, wenn sie auf sie zukommen. Weil sie aus eigener Erfahrung weiß, dass Eltern das Beste für Ihr Kind wollen, ist sie immer offen. Es gibt viele Eltern, die Tipps für den Umgang mit ihren heranwachsenden Kindern brauchen und sie auch gern annehmen. Und manchen Eltern fehlt natürlich auch das nötige Hintergrundwissen, um zu verstehen, warum Kinder so oder so reagieren. Dann ist unser Team auch dafür da, ihnen das nach bestem Wissen zu erklären und möglichst auch zu zeigen, was sie für Einflussmöglichkeiten haben, die für beide Seiten in Ordnung sind. Das klappt nicht immer, aber meist. Schwierig ist, wenn undifferenziert nach individueller intensiverer Förderung gerufen wird, weil man davon überzeugt ist, dass das Potenzial einzelner Kinder nicht genug entwickelt wird. Oder wenn pauschal für Inklusion an allgemeinen Grundschulen gestritten wird, die nicht halb so gut wie Förderschulen ausgestattet sind. Weder personell noch mit den nötigen Hilfsmitteln und Räumlichkeiten. Mich hat das Förderschulmodell, so wie ich es an meiner Schule erlebe, komplett überzeugt. Ich will nichts anderes als Erzieherin sein - an genau dieser Schule." sagt die junge Erzieherin zufrieden.

Sie hat inzwischen die Probezeit überstanden und wurde entfristet. Am liebsten hätte sie noch den Zusatzabschluss "Sonderschulpädagogik" oder "Integrations-Erzieherin" gemacht, aber das hat sie sich direkt untersagt, als sie gehört hat, dass sie mit diesem Weiterbildungsabschluss sofort in eine Schule mit Inklusionsklasse delegiert würde. Also kommt das nicht in Frage.