"Juristerei ist nichts Trockenes, Juristerei ist das pralle Leben."

Herr Norbert Jöris ist als Dozent am bbw Bildungswerk der Wirtschaft Berlin und Brandenburg tätig und unterrichtet Umschüler*innen zum/zur Verwaltungsfachangestellten in verschiedenen Rechtsgebieten. Im Interview berichtet er über seine Lehrinhalte und seine Erfahrungen als Dozent bei uns.

Seit wann sind Sie schon am bbw?

Seit Anfang des Jahres 2020. Lange davor habe ich eine Lehre zum Industriekaufmann abgeschlossen und danach in Bonn, Straßburg und Köln Jura studiert, was ich mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen habe. Das zweite Examen hab ich dann in Berlin gemacht.

Dann ist Ihr Start bei uns ja direkt in die Corona-Zeit reingefallen?

So kann man das sagen (lacht). Wir haben den Härtetest direkt gemeinsam bestehen müssen und haben diesen meiner Ansicht nach auch gut bestanden.

Was ist Ihre Arbeit am bbw?

Ich darf die Umschüler zu Verwaltungsfachangestellten am bbw e.V. in BGB, Arbeitsrecht, Berliner Verfassungsrecht, Verwaltungsrecht und - meiner Meinung nach als Krönung - im Öffentlichen Recht/Staatsrecht unterrichten. Letzteres ist schon seit Studienzeiten meine Lieblingsdisziplin.

Andere Kollegen unterrichten u.a. Polizei- und Ordnungsrecht, Sozialhilferecht und andere Fächer. Die Palette ist also breit und anspruchsvoll. Für unsere künftigen Verwaltungsfachangestellten ist das Verwaltungsrecht natürlich das Kernfach, ihr Handwerk. Aber sie brauchen genauso Inhalte aus dem BGB, wenn es zum Beispiel darum geht, Bestellungen für Kopierer, Laptops, Beamer oder auch Papier auszulösen - alles, was in einer Verwaltung so gebraucht wird.

Wie haben Sie die Lehrsituation während der Coronazeit wahrgenommen?

Es war für alle eine ziemliche Herausforderung. Mir hat von Anfang an der unmittelbare Kontakt mit den Umschülern sehr viel Spaß gemacht, aber der fiel dann von jetzt auf gleich weg. Im Präsenzunterricht habe ich die Klasse vor mir und merke, wenn die Aufmerksamkeit wegrutscht oder es fragende Gesichter gibt. All das habe ich im Online-Unterricht natürlich nicht. Und dann war da die Versuchung für die Umschülerinnen und Umschüler, sich einfach mal rauszunehmen. Sicher haben einige auch der einen oder anderen Ablenkung nachgegeben - das war kein böser Wille, sondern einfach der Situation geschuldet.

Zum Glück haben wir ein wirklich professionelles Team aus Koordinatoren und Dozenten, was einen wesentlichen Teil des Arbeitserfolges ausmacht. Einige Dozenten haben während des Lockdowns freiwillig Sonderschichten am Wochenende eingelegt, waren also sehr engagiert. Auch die Abstimmung untereinander hat gut geklappt, obwohl man sich nicht gesehen hat, teilweise noch nicht einmal persönlich kannte.

Jetzt sind wir ja inzwischen wieder zum Präsenzunterricht zurückgekehrt, und der Spaß und die Freude sind auf beiden Seiten wieder da. Ich veranstalte einmal die Woche zusätzlich zum regulären Unterricht online eine offene Fragerunde zur Prüfungsvorbereitung - wir wollen alle mitnehmen und zu einer guten Prüfung führen.

Sie lehren- unter anderem - Verwaltungsrecht. Welchen Teil davon müssen Sie laut Rahmenlehrplan vermitteln?

Wir fangen ziemlich weit vorn an, damit der Sinn und die Struktur des Verwaltungshandels und des Verwaltungsrechts verstanden werden. Der Staat hat zwei Möglichkeiten zu handeln - die eine Möglichkeit ist privatrechtlich, indem er entsprechende Verträge abschließt, so wie jede Privatperson auch. Die zweite Möglichkeit ist: Der Staat handelt hoheitlich, indem er ein Tun, Dulden oder Unterlassen anordnet - das geschieht mittels eines Verwaltungsaktes. Also quasi so: Ich, Staat, fordere dies oder jenes von dir, Bürger. Verwaltungsakt, Paragraph 35, Verwaltungsverfahrensgesetz: "Das Handeln des Staates auf hoheitlichem Wege zur Regelung eines Einzelfalls mit Außenwirkung auf dem Gebiet des öffentlichen Rechts."

Verwaltungsfachangestellte müssen sich also viel mit Recht auseinandersetzen. Im Grundgesetz heißt es in Artikel 20, Absatz 3: Die vollziehende Gewalt - also die Exekutive, die Verwaltung - sind an Gesetz und Recht gebunden. Und das ist genau die Aufgabe von Verwaltungsfachangestellten: Das geltende Recht anzuwenden. Meist passiert das in der Form von Geboten und Verboten - auch das Knöllchen, das die Politesse vom Ordnungsamt oder die Polizei verteilt, ist ein Verwaltungsakt. Baugenehmigungen und Abrissverfügungen sind Verwaltungsakte, auch jedes Schulzeugnis. Alles Handeln der Verwaltung, wenn sie sagt: Du musst!, ist Verwaltungsrecht, ist ein Verwaltungsakt. Ein ziemlich weites Feld also.

Verwaltungsfachangestellte müssen solches Handeln der Verwaltung in die entsprechende Form gießen. Aber sie sind als Teil der staatlichen Verwaltung eben auch Dienstleister für den Bürger. Das ist ein hoher Anspruch, und den muss ich vermitteln.

Und wo können Verwaltungsfachangestellte arbeiten?

In jeder Einrichtung, Abteilung der Verwaltung, in den Bezirksämtern, in den Dienststellen des Senats, in Jobcentern. Deswegen müssen unsere Umschüler und Umschülerinnen auch breit ausgebildet werden.

Dazu gehört, wie gesagt das BGB, aber auch ein intensiver Arbeitsrechtsunterricht. Die künftigen Mitarbeiter*innen der Berliner Verwaltung müssen wissen, wie Arbeitsverträge geschlossen und ggf. auch aufgelöst werden, welche Arbeitsschutzgesetze Einfluss auf Arbeitsverträge haben. Das Arbeitsrecht ist aufgesplittet in mehr als 100 verschieden Einzelgesetze - zum Vergleich, unser Zivilrecht kommt mit einem einzigen Gesetz, dem BGB, aus - hinzu kommen Tarifverträge und Einzelentscheidungen der Arbeitsgerichte, die das Arbeitsrecht sehr prägen. Da den Überblick zu behalten, ist auch für einen Dozenten bisweilen eine Herausforderung, diese nicht ganz übersichtliche Rechtsmaterie den Schüler*innen kompetent zu vermitteln, eine noch größere Herausforderung.

Auch das schon erwähnte Staatsrecht ist ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts. Da kann ich meiner Schülerschaft zum Beispiel vermitteln, dass es auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland faktisch zwei Staatsgründungen gab, nämlich 1949 und 1990. In der Präambel der Urfassung des Grundgesetzes von 1949 wurde noch davon gesprochen, dass die staatliche Einheit Deutschlands zu vollenden s e i - in der heutigen Fassung steht, dass die staatliche Einheit Deutschlands vollendet i s t. Als wir das im Unterricht gelesen und verglichen haben, gingen vielen die Ohren auf und die Augen über. Ich kann da vermitteln, welche überragende Bedeutung die im Grundgesetz verankerten Grundrechte für das Miteinander von Bürgern und Staat hier bei uns haben.

Die künftigen Verwaltungsfachangestellten mögen es sicherlich, aber viele andere Umschulungsteilnehmer schreckt diese ganze Juristerei ja eher ab, oder?

Den Eindruck habe ich eher nicht. Ich werde seit meinen Studienzeiten nicht müde zu sagen: Juristerei ist nichts Trockenes, Juristerei ist das pralle Leben. Wenn ich die angeblich so trockene Juristerei den Schüler*innen anschaulich, spannend und an praktischen Fällen vermittle, dann "hab ich sie", dann sind die hochkonzentriert und engagiert. Der schönste Dozentenlohn! Neulich etwa hatten wir eine Diskussion darüber, warum unser Grundgesetz eben Grundgesetz heißt und nicht Verfassung, wie in anderen Ländern. Ich finde den Namen klasse - denn auf dem Grundgesetz gründet sich eben jedes andere Gesetz, unsere ganze Rechtsordnung. Dabei ist unser Grundgesetz eine der ganz wenigen Verfassungen, die nicht formal durch eine Volksabstimmung bestätigt wurden. Als man 1990 im Zuge der Wiedervereinigung über eine mögliche neue Verfassung diskutierte, wurde in der öffentlichen Diskussion schnell erkannt, dass sich das Grundgesetz 40 Jahre gut bewährt hatte - und bis heute wird das Grundgesetz durch die lebendige Akzeptanz der Bürger jeden Tag bestätigt.

Ein Beispiel, an welchem sich die Beziehung zwischen Staat und Volk sehr gut illustrieren lässt, ist das jüdische Volk, seine Vertreibung und weltweite Verfolgung. Wie kann ich nun bei Umschülern das Verständnis für diese besondere Situation und deren Ursachen wecken?

Ein Staat wird definiert durch "Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt". Dieses Beziehungsgeflecht lässt sich sehr gut durch historische Zusammenhänge veranschaulichen - zum Beispiel an der Geschichte des jüdischen Volkes und seines Staates. Im Jahre 70 nach Christus haben die Römer den jüdischen Tempel in Jerusalem zerstört. Er war für die Juden Gerichtsgebäude, Verwaltungs- und Regierungssitz und religiöses Zentrum gleichzeitig. Durch die Zerstörung gab es de facto keine jüdische Staatsgewalt mehr, ihr Staatsgebiet war zu damaliger Zeit besetzt, und die Juden mussten in alle Welt fliehen. Wo nur noch ein Volk besteht, jedoch kein Staatsgebiet und keine Staatsgewalt mehr, da ist ein Volk schutzlos ausgeliefert. Man kann sagen: Das Trauma dieses Volks begann 70 nach Christus und wurde unter Hitler in brutalster Form auf die Spitze getrieben.

Dieses brutale Vorgehen Hitlers ist in Berlin geplant und von hier aus befohlen worden. Da ist es nur folgerichtig, dass der Berliner Senat alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berliner Verwaltung dienstlich zur Wachsamkeit gegen jede Form von Antisemitismus verpflichtet hat.

Das muss ich künftigen Mitarbeiter*innen des Berliner Senats, unseren Umschüler*innen, natürlich laut Rahmenlehrplan der Verwaltungsakademie (VAK) vermitteln. Dieses Wissen über staatsrechtliche und historische Zusammenhänge ist sehr wichtig, um bestehende, gesellschaftliche Probleme verständlich zu machen.

Was können Sie zur Zusammensetzung Ihrer momentanen Gruppen sagen?

Ein sehr interessanter Querschnitt an Berufen. Wir haben ehemalige Industrietechniker, Friseure, Verkäufer, Kosmetiker, Mitarbeiter aus dem Gastgewerbe, Kaufleute aus dem Einzelhandel, IT-ler, Altenpfleger, Bürokaufleute. Insgesamt haben wir gerade 72 Umschülerinnen und Umschüler, davon sind 42 in der Altersspanne von 30 bis 40 Jahren - ein Großteil ist also im mittleren Alter.

Der berufliche Hintergrund ist eigentlich eher unerheblich. Solange Motivation und Eigeninitiative da sind, ist man genau richtig. Es ist eine anspruchsvolle Umschulung, aber wir bemühen uns sehr, jeden mitzunehmen. Viele sind auch außerhalb der Umschulung hochmotiviert - neulich haben wir zum Beispiel im Unterricht über das Bundesverfassungsgericht gesprochen. Am selben Abend lief ein Fernsehbericht über dessen neuen Präsidenten und ein anschließendes Interview. Das habe ich sofort per WhatsApp meiner Klasse empfohlen. Kaum lief das Interview, bekam ich schon erste Rückmeldungen. Ich konnte morgens im Unterricht offenbar Interesse an dem Thema wecken.

Natürlich ist bei unseren Umschülern auch die ein oder andere schwierige Berufsbiografie dabei. Ich sage das jedoch mit Anerkennung und Hochachtung, denn viele müssen sich erst mühevoll wieder aufraffen, etwas Neues zu beginnen, einen neuen Beruf zu erlernen. Es gibt kaum noch gerade Berufswege.

Außerdem weiß ich ja selbst, wie es ist, ein Lehrling zu sein - und dieses Wissen erleichtert mir dann das Einfühlen.

Die Digitalisierung verändert auch zunehmend die öffentliche Verwaltung. Wenn die jetzigen Umschüler ihre Prüfungen erfolgreich bestanden haben, werden ihre Arbeitsplätze dann andere sein als jetzt?

Das können wir jetzt noch nicht endgültig absehen, aber es wird sicherlich Änderungen geben. Es ist Rechtssystemen immanent, dass diese sich immer neu weiterentwickeln. In ein paar Jahren werden wir sicherlich vor Hürden stehen, von denen wir jetzt noch nichts ahmen. Corona hat auch sehr klar auf den Tisch gebracht, dass in Deutschland bezüglich Digitalisierung Handlungsbedarf besteht: bessere Ausstattung in allen Bereichen etwa.

Das haben wir im Blick, und wir passen unseren Unterricht entsprechend an. Deshalb ist zum Beispiel ein wesentlicher Bestandteil, EDV-Kenntnisse verstärkt zu fördern. Überraschenderweise gibt es immer noch viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nicht oder nur wenig über den Umgang mit PCs wissen. Auch in unseren künftigen Umschulungsklassen wird ein starker Fokus auf digitalem Lernen liegen. Wir müssen diese Kompetenzen voranbringen.