19.09.2019

Generation Z - was ist bloß mit den Azubis los?

Azubis gewinnen und halten - vor allem mit Kommunikation auf Augenhöhe - bbw Ausbildertag mit Ausbildern aus 25 Unternehmen.

Sie sind seit ein paar Wochen da und sie sollen bleiben. Also, wie geht man mit den #Digital Natives um, die das Wissen dieser Welt in der Hosentasche tragen, sich deshalb älteren Generationen gnadenlos überlegen fühlen, weil sie es in Millisekunden aufrufen können und ganz anders lernen, denken, fühlen als ihre Ausbilder*innen? Was bedeuten ihre Art von "Sofortness", ihre Erwartung von Spaß am Arbeitsplatz, ihre Ablehnung jeder Belastung und ihre Internet-Hörigkeit, die Abwehr gegen Strukturen und Hierarchien? Wie setzt man da Ausbildungs- und Unternehmensziele um, wie soll die Teamarbeit laufen? Henri Hartmann, Dipl. Kommunikationswirt, erfahrener Trendbeobachter, PR- und Marketingprofi machte beim bbw Ausbildertag im Berliner Haus der #Wirtschaft anschaulich klar, was Ausbilder*innen und Personaler über die aktuelle Bewerbergeneration wissen sollten und, was diese von den vorherigen und vermutlich auch den folgenden unterscheidet. Die junge Generation aus Marketingsicht sehen zu lernen und mit ihr zu kooperieren ohne sie zu kopieren, scheint die Schlüsselidee zu sein. Sein Vortrag gab den Unternehmensvertretern aus rund 25 Berliner und Brandenburger #Unternehmen in der Einlaufkurve eine fundierte Wissensbasis und den gewünschten heftigen Impuls für die Diskussionsrunden der Veranstaltung.
Wenn vom beruflichen Engagement der jungen Generation, wie die neue McDonald's Studie sagt, die gesamte zukünftige Entwicklung der Unternehmen und damit der Gesellschaft abhängt, lohnt es sich, mit ihr zu kooperieren. Das bedeutet, Azubis zu halten und an die Unternehmen zu binden ist nicht nur in Zeiten des Fachkräftemangels angesagt und betriebswirtschaftlich wichtig, sondern existenziell. Deshalb erlebten die Ausbilder*innen und Personaler beim bbw Ausbildertag auch ein leidenschaftliches Plädoyer von Heiko Mehnert, dem Geschäftsführer der Brand Campus Marketingschool und genau diesen sehr pragmatischen Ansatz für seine Argumentation: Auch wenn vielleicht nicht von jedem Azubi jede E-Mail ohne Vorabsichtung das Unternehmen verlassen sollte, sei die Ausgangsposition für Ausbildung nicht per se schlechter als früher, sondern gut: "Wir Älteren sollten bei ihnen die Ängste vor der Ausbildung reduzieren, aufklären, die jungen Leute mit offenen Armen empfangen, ihre meist hohe Lebenszufriedenheit und ihr völlig normales Abgrenzungsverhalten akzeptieren... uns für ihre Stärken interessieren und sie nutzen. Wir älteren Generationen haben die Aufgabe, ihnen beizubringen, wie man einen Arbeitstag durchlebt, ohne alle 45 min eine Pause zu haben und Hilfen zu geben, wo sie gebraucht werden..." Letztlich ginge es doch vor allem um die Kommunikation: Auf Augenhöhe, nicht von oben herab. In der Ansprache, beim Werben um die Talente, aber auch um den Durchschnittsschulabgänger. Hier sei nicht der Versuch die Jugendsprache zu kopieren der Weg, sondern die Art der Kommunikation insgesamt. Auf den richtigen Kanälen und mit den richtigen Medien, z.B. über Videos, mit Testemonials, über Influencer, generell nützliche Informationen über Ausbildung, Berufe, eine klare Orientierung und eine zeitgemäße Aufmachung (Look and Feel). Wer hier schon auf den Unternehmenswebseiten, in der Kommunikation über die sozialen Medien und später im Betrieb auch auf Wertschätzung achte, habe die Schlüssel dafür in der Hand, dass überhaupt eine Basis für das Kennenlernen, Lernen voneinander und für Zusammenarbeit im Team möglich wird. Im besten Fall könne daraus neue Energie für das Unternehmen und sogar Innovation entstehen. "Wir müssen um sie buhlen, sie überzeugen und sie begeistern", meinte Heiko Mehnert. Wer das nicht schaffe, "...riskiert, dass sie sich einfach abwenden." Das heißt natürlich nicht, nicht mehr kritisieren zu können, das müsse sein, denn Ausbildung bedeute auch, dass es einen Deal mit dem Unternehmen gibt, der zu erfüllen ist.
Unternehmensberater Niko Böls, der u.a. bereits bei KPMG, Deloitte und EY an HR-Strategien gearbeitet hat, setzte darauf auf. Er sprach über langfristige, nachhaltige Personalkonzepte, die geeignet sind, Auszubildende zu halten. Dabei spannte er den Bogen von den Bedürfnissen und Erwartungen der Generation Z an ihre Unternehmen. Sie seien von den Megatrends Globalisierung, Digitalisierung, Ökologie, zunehmenden Ungewissheiten und wachsender Komplexität ihrer Lebenswelt besonders stark betroffen, suchten deshalb nach Stabilität und Vertrauen, hätten ein großes Interesse an erfüllender Teamarbeit, an harmonischen sozialen Kontakten, Familie, Bildung und persönliche Entwicklung. Ein guter Ansatzpunkt für HR-Experten, Recruiter und ihre Ausbilder seien die Stärken der Azubis. Sie ausfindig zu machen und zu fördern sei ein Weg Azubis in die Unternehmenswelt einzubeziehen und sie für die Arbeit mit Zielstellungen zu erreichen. Aus der Perspektive von Unternehmen sei es wichtig, erreichbare Ziele zu setzen, die Auszubildenden zu motivieren und nach Bedarf zu unterstützen, damit die Ziele tatsächlich erreicht und als Erfolg erlebt werden können. Dabei ginge es nicht nur um betriebswirtschaftliche Kennzahlen und prüfungsrelevante Kompetenzen, die in den Curricula stehen, sondern auch um soziale Ziele, z.B. um Teamfähigkeit und Konfliktbewältigung. Hier seien Mentorenprogramme sehr hilfreich. Die Azubis im Arbeitsalltag in Entscheidungen mit einzubeziehen sei überaus wichtig, über diesen Weg könne man auch Bindung erreichen und Kontrolle ausüben. Jede*r Ausbilder*in weiß, dass Zielvereinbarungen für Azubis auch ein gutes Instrument sind, Talente zu fördern und Entwicklungen zu steuern - aber entscheidend sei die nötige Wertschätzung und, dass Zusagen und Versprechungen vom Betrieb, wenn es sie gab, auch eingehalten werden. Wer hier unehrlich oder vergesslich ist, bekomme die Quittung - Rückzug oder sogar die Kündigung des Ausbildungsvertrages.

Einen sehr praktischen innovativen Lösungsansatz für das Recruiting stellte Robert Greve, CEO und Gründer der Projekts "Dein erster Tag" vor. Sein Unternehmen produziert im Auftrag von Unternehmen und Institutionen Videos für Schüler*innen am Übergang zur Ausbildung. Hier konnten die Teilnehmer*innen des bbw Ausbildertages mit VR-Brillen Augmented Reality und damit einen ersten Ausbildungstag in einem Unternehmen, Berufe und typische Tätigkeiten kennenlernen. Vorgestellt wurden zwei professionell produzierte Varianten: eine Slide-Show aus Fotos und ein Video - beide mit starkem Aufmerksamkeitsfaktor und Werbecharakter mit einigen Unterschieden im Herstellungspreis. Damit werben Firmen, in Schulen, auf Messen und in Veranstaltungen um Bewerber*innen und setzen sie zur Erstinformation ein (www.deinerstertag.de). Mit Namen und Hausnummer erhielten die Besucher des bbw Ausbildertages einen Überblick über die Produktionsabläufe und Kosten. Das Projekt "Mein erster Tag" überzeugte nicht nur beim Blick durch die VR-Brillen mit kurzen faszinierenden 360 Grad-Unternehmens- und Berufsporträts mit Musik und professionellem O-Ton, sondern auch mit der dazugehörigen Webseite, die sich pro Jahr um rund 40 Filme oder Fotoslides füllt. Inzwischen gibt es eine imposante Menge an Infos in Bild und Ton über Ausbildungsberufe, die hervorragend für die Berufsorientierung eingesetzt werden können und gleichzeitig auf den Unternehmenswebseiten laufen.
Spannend wurde es am Ende auch in den Wordcafés, in denen es vor allem darum ging, praktische Erfahrungen und Anregungen zum Nachahmen auszutauschen. Die Ausbilder*innen und HR-Verantwortlichen stellten hier ihre drei Wunsch-Themen auf: Ideen fürs Recruiting, erfolgreiche Maßnahmen zur Azubi-Bindung und Möglichkeiten Azubis zu fördern und zu fordern. In diesen kurzen, intensiven Austauschrunden konnten viele Ideen quer durch alle Branchen und unabhängig von Unternehmensgrößen gesammelt und diskutiert werden - von Newslettern und Postkarten, noch bevor die Auszubildenden ihren ersten Tag im Betrieb haben, zu Welcome Days, Tagen mit gemeinsamem Frühstück, über Ideen zur Gestaltung von Tagen der offenen Tür durch Azubis, über Fahrgemeinschaften, Empfehlungen für Sportvereine, gemeinsame Stammtische bis zum Flöße bauen und Go-Kartfahren. Aber auch Nachhilfestunden, Sprachkurse, die Mitarbeit in der Phase II der Assistierten Ausbildung über verschiedene Bildungsträger in Berlin und Brandenburg, wo Jugendliche bis zu drei Jahre in allen wichtigen Belangen der Ausbildung unterstützt und begleitet werden, wurden diskutiert, damit Ausbildungsabbrüche minimiert werden können.
Fotos und Ideensammlung schicken wir allen Teilnehmer*innen gern zu und sagen Danke für die Impulsvorträge, die Beteiligung an der Diskussion und die Bereitschaft Erfahrungen zu teilen.
Natürlich sind Seminare zu den Themen des Ausbildertages geplant. Die Termine erfahren Sie auf unserer Webseite www.bbw-weiterbildung.de und im demnächst erscheinenden bbw Seminarprogramm für 2020.


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